Wir haben mit Dr. Marko Weinrich, CEO von Arineo und Verfasser des Kodex sowie der Stabilitätskriterien, darüber gesprochen, warum Finanzkennzahlen zur Unternehmenskultur gehören, warum nicht jeder Gewinn sofort ausgeschüttet werden kann und weshalb Vorsicht manchmal die beste Form von Unternehmergeist ist.
Marko, was ist der Grundgedanke hinter den Stabilitätskriterien?
Marko: Wir wollen ein Unternehmen in Mitarbeitendenhand bleiben. Dafür reicht es nicht, idealistische Ziele zu formulieren. Wir brauchen klare wirtschaftliche Leitplanken. Die Kriterien sollen sicherstellen, dass Arineo nicht überschuldet, nicht illiquide und nicht abhängig von bilanziellen Werten wird, die sich in einer Krise schnell verändern können.
Die Stabilitätskriterien sind eine Art Frühwarnsystem und gleichzeitig ein Rahmen für verantwortliches wirtschaftliches Handeln.
Außerdem helfen sie, eine Diskussion einzuordnen, die in einem Unternehmen in Mitarbeitendenhand immer wieder entstehen kann: Warum schütten wir nicht einfach alle Gewinne aus? Die Antwort ist: Weil das gefährlich wäre. Wenn wir am Jahresende immer bei null stehen, fehlt uns in der nächsten Krise die Substanz. Dann kann ein Unternehmen sehr schnell in Probleme geraten.
Warum stehen diese Kriterien im Kodex und nicht einfach in einer internen Finanzplanung?
Marko: Weil sie fest verankert sein sollen. Eine Finanzplanung kann man schnell ändern. Der Kodex hat ein anderes Gewicht. Er beschreibt, warum wir Dinge tun und welche Grundlagen für unser Eigentums- und Organisationsmodell wichtig sind.
Natürlich kann auch der Kodex verändert werden. Dafür braucht es eine Vier-Fünftel-Mehrheit im Präsidium und der Mitgliederversammlung.
Mir ist wichtig: Man kann Dinge verändern, aber man muss wissen, was man tut. Wer solche Stabilitätsgrundlagen verändert, verändert die Sicherheitsarchitektur des Unternehmens.
Viele verbinden Unternehmenskultur mit Zusammenarbeit, Führung oder Werten. Warum gehören aus deiner Sicht auch Finanzkennzahlen dazu?
Marko: Weil Unternehmenskultur beschreibt, wie ein Unternehmen Entscheidungen trifft. Wenn wir sagen, dass Verantwortung, langfristiges Denken und Verlässlichkeit zu unseren Werten gehören, müssen sich diese Werte auch in unserem wirtschaftlichen Handeln widerspiegeln. Die Stabilitätskriterien sorgen dafür, dass wir unsere Haltung nicht nur beschreiben, sondern jeden Tag danach handeln. Sie machen unsere Kultur messbar.
Unser Kodex und die Stabilitätskriterien im Überblick
Der Kodex
Die Stabilitätskriterien der Arineo Gruppe sind im Kodex verankert. Der Kodex ist kein klassischer Verhaltenskodex, der vor allem Regeln für den Arbeitsalltag beschreibt. Er ist vielmehr ein verbindlicher Orientierungsrahmen für unser Unternehmensmodell. Er hält fest, nach welchen Grundsätzen Arineo als Unternehmen in Mitarbeitendenhand geführt, kontrolliert und weiterentwickelt werden soll. Dazu gehören Fragen der Verantwortung, der Gewinnverwendung und der wirtschaftlichen Stabilität.
Die Stabilitätskriterien
Unsere Stabilitätskriterien sind Bestandteil des Kodex. Sie geben der Geschäftsführung verbindliche Leitplanken für die wirtschaftliche Steuerung und sind auf das Unternehmen, die Branche und das Marktumfeld zugeschnitten. Zu den Kriterien gehören unter anderem Ertragskraft, Umsatzwachstum, Eigenkapitalquote, Liquidität, Cashflow, Verschuldung, Anlagendeckung, Firmenwerte und Regeln für Unternehmenskäufe.
Ziel ist es, Arineo langfristig handlungsfähig zu halten, Risiken früh sichtbar zu machen und sicherzustellen, dass Gewinne verantwortungsvoll verwendet werden: zuerst zur Existenzsicherung und Entwicklung der Gruppe, dann zur Weiterbildung von Mitarbeitenden und – bei entsprechender wirtschaftlicher Lage – auch für Sonderzahlungen an die Mitarbeitenden. Die Zielerreichung der Stabilitätskriterien ist jährlich Thema beim großen Gremienmeeting, der Versammlung von Geschäftsleitung, Präsidium und Aufsichtsrat.
Im Kodex steht, dass Gewinne grundsätzlich der Existenzsicherung der Arineo Gruppe dienen. Was bedeutet das konkret?
Marko: Der Zielwert für den Jahresgewinn liegt bei fünf bis sieben Prozent Ergebnis nach Steuern im Verhältnis zum Umsatz. Bis voraussichtlich Ende 2036 müssen wir außerdem Teile der Gewinne für den Kapitaldienst verwenden, also für die Finanzierung des Kaufs der Arineo Gruppe. Hintergrund ist, dass die Gründung der Arineo von privaten Investor:innen ermöglicht wurde. Im Januar 2025 konnten wir den Umbau des Unternehmens in eine Employee-Owned Company realisieren und das Unternehmen den Investor:innen abkaufen. Hierfür brauchten wir einen Kredit, den wir voraussichtlich noch 10 Jahre tilgen werden.
Wenn sich ein Nettoergebnis von mehr als sieben Prozent abzeichnet, kann die Geschäftsführung eine Sonderzahlung an die Mitarbeitenden ausschütten. Aber nur, wenn die Stabilitätskennzahlen auch danach eingehalten werden. Das ist mir wichtig: Wenn wir Übergewinne erwirtschaften, sollen sie den Mitarbeitenden zugutekommen. Aber nicht auf Kosten der Zukunft.
Das heißt: Erfolg wird geteilt, aber erst, wenn das Fundament stabil ist?
Marko: Genau. Erfolg soll geteilt werden. Aber wir müssen zuerst sicherstellen, dass Arineo dauerhaft handlungsfähig bleibt. Nur wenn wir Gewinne erwirtschaften, gibt uns das Sicherheit. Und wenn wir mehr erwirtschaften, als wir für Stabilität und Entwicklung brauchen, dann können wir etwas ausschütten. Nicht an externe Gesellschafter, sondern an die Mitarbeitenden.
Das ist für mich ein zentraler Unterschied. Unser Modell ist nicht darauf ausgelegt, Kapitalinteressen von außen zu bedienen. Aber gerade deshalb müssen wir besonders gut auf das Unternehmen achten.
“Ich bin krisenerfahren. Ich habe erlebt, was passieren kann, wenn sich Rahmenbedingungen plötzlich ändern. Die Stabilitätskriterien sind meine Antwort darauf.”
Dr. Marko Weinrich, Vorsitzender der Geschäftsführung
Welche Kennzahlen sind aus deiner Sicht besonders wichtig?
Marko: Die wichtigsten Größen sind Eigenkapital, Liquidität und bereinigtes Eigenkapital.
- Eigenkapital zeigt, wie solide ein Unternehmen finanziert ist.
- Liquidität zeigt, ob wir kurzfristig zahlungsfähig und handlungsfähig bleiben.
- Das bereinigte Eigenkapital ist besonders wichtig, weil dabei unter anderem aktivierte Geschäfts- oder Firmenwerte vom Eigenkapital abgezogen werden. So sehen wir klarer, wie viel Substanz wirklich vorhanden ist.
Ich will vermeiden, dass ein Unternehmen auf dem Papier stabil aussieht, aber ein großer Teil des Eigenkapitals eigentlich in Firmenwerten steckt, die im Ernstfall abgeschrieben werden müssen. Genau das kann Unternehmen zu Fall bringen.
Kannst du das mit einem Beispiel erklären?
Marko: Nehmen wir an, ein Unternehmen kauft eine andere Firma und weist dafür einen hohen Firmenwert in der Bilanz aus. Solange alles gut läuft, sieht die Bilanz stabil aus. Verliert dieser Firmenwert jedoch dauerhaft an Wert – etwa, weil das gekaufte Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät oder insolvent wird –, muss er abgeschrieben werden. Diese Abschreibung belastet das Ergebnis und kann Eigenkapital aufzehren. So kann ein Unternehmen, das vorher gesund wirkte, durch eine bilanzielle Korrektur plötzlich massiv unter Druck geraten.
Für ein IT-Dienstleistungsunternehmen wie Arineo ist das besonders relevant. Unser wichtigstes Vermögen sind die Menschen, die bei uns arbeiten. Das steht aber nicht in der Bilanz. Was in der Bilanz stehen kann, sind zum Beispiel Beteiligungen oder Firmenwerte. Damit muss man vorsichtig umgehen.
Deshalb schreiben wir Firmenwerte intern grundsätzlich über fünf Jahre ab und begrenzen Kaufpreise für Unternehmen. Sie sollen in der Regel nicht über dem fünffachen durchschnittlichen EBIT der vergangenen drei Jahre liegen. Höhere Kaufpreise sind nur möglich, wenn unsere Stabilitätskriterien danach weiterhin eingehalten werden.
Marko mit fünf Mitgliedern der zwölfköpfigen Geschäftsleitung der Arineo GmbH: Dr. Thomas Brodag, Leandro Meermeier, Dr. Marko Weinrich, Dr. Frank Wilkes, Martin Renker (v. .l. n. r.)
Das klingt sehr vorsichtig.
Marko: Ja, und das ist auch so gemeint. Vorsicht ist in diesem Zusammenhang nichts Negatives. Sie schützt unsere Freiheit. Wir wollen nicht in eine Situation geraten, in der wir wegen zu hoher Kaufpreise, zu wenig Liquidität oder zu dünnem Eigenkapital unsere Handlungsfähigkeit verlieren. Arineo soll wachsen, aber nicht um jeden Preis.
Apropos Wachstum: Im Kodex steht ein angestrebtes Umsatzwachstum von mindestens zehn Prozent im Mittel über drei Jahre. Warum ist Wachstum für Arineo ein Stabilitätskriterium?
Marko: In unserer Branche sind Größe, Umsatz und Personal auch Wettbewerbskriterien. Wenn wir zu klein sind, werden wir weniger wahrgenommen. Dann können wir bei bestimmten Entwicklungen, zum Beispiel im Microsoft-Umfeld oder bei KI-Themen, schwerer mitgehen.
Und genau deshalb sollten wir langfristig über dem Branchenwachstum liegen. Nicht, weil Wachstum ein Selbstzweck ist, sondern weil wir dadurch an Bedeutung gewinnen und unsere Zukunftsfähigkeit stärken. Wir werden dieses Ziel nicht in jedem einzelnen Jahr erreichen. Deshalb betrachten wir es über einen Zeitraum von drei Jahren, in Krisen auch über fünf Jahre.
Die Stabilitätskriterien umfassen auch Kündigungen und Fluktuation. Warum gehören diese Kennzahlen dazu?
Marko: Weil Stabilität nicht nur aus Bilanz und Liquidität besteht. Für ein IT-Dienstleistungsunternehmen sind Mitarbeitende der entscheidende Faktor. Wenn sehr viele Menschen gehen, sagt das etwas über die Organisation aus. Es kann gute Gründe für einzelne Entwicklungen geben, aber die Kennzahl darf nicht aus dem Blick geraten.
Deshalb schauen wir auch darauf, wie viele Kündigungen es außerhalb der Probezeit gibt und wie sich Kündigungen entwickeln.
Entscheidend ist nicht, bei jeder roten Zahl sofort eine Regel zu ändern. Entscheidend ist, darüber zu sprechen und zu verstehen, was dahintersteht.
Was passiert, wenn ein Kriterium nicht eingehalten wird?
Der Kodex beihaltet keine Sanktionen. Es geht zuerst um Transparenz und Auseinandersetzung. Wenn eine Kennzahl mehrere Jahre im roten Bereich ist, muss das diskutiert werden. Gibt es eine nachvollziehbare Erklärung? Ist es eine vorübergehende Situation? Müssen wir gegensteuern? Oder ist das Kriterium falsch gesetzt?
Wichtig ist, dass die Kennzahlen mindestens einmal im Jahr unter dem Brennglas liegen. Dann können Geschäftsführung und Gremien entscheiden: Halten wir sie ein? Verändern wir sie? Oder erklären wir bewusst, warum eine Abweichung gerade vertretbar ist?
Dr. Marko Weinrich bei der Unterschrift zur Überführung der Arineo GmbH in ein Stiftungsunternehmen.
Was sollen Mitarbeitende aus den Stabilitätskriterien mitnehmen?
Marko: Dass wirtschaftlicher Erfolg nicht abstrakt ist. Er sichert unsere Arbeitsplätze, unsere Freiheit und unser Modell. Wenn wir alle Gewinne sofort ausschütten würden, wäre das kurzfristig attraktiv, langfristig aber riskant.
Je besser alle verstehen, worauf es wirtschaftlich ankommt, desto eher können alle dazu beitragen, Arineo zu erhalten. Das ist für mich der Kern: Mitarbeitendenhand bedeutet nicht nur Teilhabe am Erfolg. Es bedeutet auch Mitverantwortung für die Stabilität des Unternehmens.
Und unsere Kundenunternehmen?
Marko: Für Kundenunternehmen ist wahrscheinlich nicht jedes einzelne Kriterium interessant. Aber die Grundbotschaft ist wichtig: Arineo ist nicht nur kollegial organisiert und in Mitarbeitendenhand, sondern auch wirtschaftlich klar geführt. Manche Menschen verbinden solche Organisationsformen mit Basisdemokratie oder fehlender Verbindlichkeit. Das sind wir nicht. Wir haben klare Strukturen, harte Finanzkriterien und ein gemeinsames Interesse daran, langfristig erfolgreich zu sein. Das schafft Verlässlichkeit.
Ist das auch ein Signal gegen das Vorurteil, ein Unternehmen in Mitarbeitendenhand sei weniger wirtschaftlich?
Marko: Ja. Unser Modell heißt nicht, dass wir weniger wirtschaftlich denken. Im Gegenteil. Wenn das Unternehmen den Mitarbeitenden gehören soll, müssen wir besonders sorgfältig wirtschaften. Wir tragen die Verantwortung selbst. Deshalb gehören Vertrauen und wirtschaftliche Disziplin zusammen. Das eine funktioniert ohne das andere nicht.
Was ist dir beim Kodex insgesamt besonders wichtig?
Marko: Der Kodex soll Sicherheit geben und gleichzeitig Veränderung ermöglichen. Er beschreibt, warum wir Dinge tun. Aber er sagt auch:
Wenn wir bessere Wege finden, die das Gleiche oder mehr erreichen, können wir Dinge verändern. Das ist mir wichtig.
Wir wollen nicht dogmatisch sein. Aber wir wollen bewusst handeln. Wer Strukturen verändert, muss verstehen, welche Funktion sie haben. Das gilt für unsere Organisationsform genauso wie für unsere Stabilitätskriterien.
Woran wird Arineo in einigen Jahren erkennen, dass die Kriterien funktioniert haben?
Marko: Ganz einfach: Es wird uns noch geben. Wir werden nicht überschuldet sein, wir werden ein erfolgreiches Geschäft haben und wir werden handlungsfähig bleiben. Wenn wir die Kriterien weitestgehend einhalten, zahlen wir unsere Kredite ab, gewinnen zusätzliche Mittel für die Zukunft und können weiter investieren. Dann haben die Kriterien ihren Zweck erfüllt.
Danke für das Gespräch!