Digitalisierung und Nachhaltigkeit: ein Widerspruch?

Der ökologische Fußabdruck der Digitalisierung rückt immer stärker ins kollektive Bewusstsein. Fundierten Schätzungen zufolge verbraucht die Digitalindustrie inzwischen einen Zehntel des weltweit produzierten Stroms und verursacht knapp 4 Prozent des allgemeinen CO2-Ausstoßes – fast doppelt so viel wie die globale Zivilluftfahrt. Schließen sich Digitalisierung und Nachhaltigkeit also grundsätzlich aus? So einfach ist es nicht, meint unser Experte für künstliche Intelligenz, Gerhard Heinzerling. Er forscht mit seinem Team an Lösungen für mehr Nachhaltigkeit.

 

Hallo Gerhard, magst du uns von deinen Projekten erzählen?

Na klar, sehr gerne! Mein Team und ich arbeiten im Bereich künstliche Intelligenz viel mit der öffentlichen Hand zusammen. Wir entwickeln schlaue Algorithmen, um Probleme, die im Moment viel Aufwand bedeuten, einfacher zu lösen. Ich mache es mal konkret: wenn es einen Sturm gab, muss das Forstamt sich ein Bild der Schäden machen und große Waldflächen durchkämmen. Unser Algorithmus erstellt auf Basis von Satellitenbildern vor und nach dem Sturm eine Karte, anhand der die Forstämter den Handlungsbedarf schnell erfassen und die Einsätze besser planen können. Das spart Zeit und Energie, da sie nicht mehr durch die Wälder fahren müssen.

Bei einem anderen Projekt geht es um das Thema Borkenkäfer. Dieser Schädling richtet verheerende Schäden an den hiesigen Wäldern an – und wir alle wissen, wie wichtig Wälder für das globale Gleichgewicht sind. Wir können anhand von Satellitenbildern das Ökosystem Wald erfassen und analysieren, wie sich der Borkenkäfer ausbreitet. Daraus erstellt unsere Lösung Prognosen über die gefährdeten Bereiche. Diese helfen den Förstern, geeignete Maßnahmen zum Schutz der Bäume zu ergreifen. Sobald diese Lösungen marktreif sind, sollen sie deutschlandweit zum Einsatz kommen. Verschiedene Kommunen, darunter auch die Stadt Göttingen, haben bereits ihr Interesse bekundet.

 

Spannend! Allerdings ist die öffentliche Hand nicht unbedingt der größte Umweltverschmutzer. Entwickelt ihr auch Lösungen für die Industrie?

Ja, das machen wir auch. Manche unserer Algorithmen zielen darauf ab, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Bei einem Projekt geht es um einen Pilz, namens Cercospora, der Zuckerrüben befällt. Ein europaweites Problem, das mithilfe von Pestiziden bekämpft wird. Allerdings ist ein Pilzbefall durch Cercospora auch für Fachleute nicht einfach von anderen Krankheiten zu unterscheiden, die anders behandelt werden müssen. Unsere App analysiert Bilder vom Befall und erstellt automatisiert einen Behandlungsplan. So werden nur noch die Pflanzen behandelt, die wirklich vom Pilz befallen sind und noch gerettet werden können. Manchmal ist die Krankheit nämlich auch schon so fortgeschritten, dass man sich das Spritzen ganz sparen kann. Weniger Pflanzenschutzmittel zu nutzen, trägt auf jeden Fall zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft bei.

 

Gibt es noch andere Projekte, von denen du berichten möchtest?

Ja, eins liegt mir besonders am Herzen: Mein Kollege Dimas Wiese hat einen Algorithmus zur Erkennung von Kirschsorten entwickelt. Es gibt viele alte Sorten, die nicht mehr bekannt sind und nur anhand des Fruchtsteins unterschieden werden können. Zeigt man dem Programm einen sauberen Kirschstein, kann es die Kirschsorte in Sekundenschnelle identifizieren. Das trägt zum Bewusstsein über alte Obstsorten bei und vereinfacht es, ihren Fortbestand zu sichern. Diese Arbeit kommt an: es gab bereits Anfragen, ob wir die Lösung nicht um Äpfel und Erdbeeren erweitern können. 

 

Wie stehst du persönlich zum Thema Digitalisierung und Nachhaltigkeit?

Nun, alle Dinge haben zwei Seiten, auch die Digitalisierung. Mein Team und ich beteiligen uns in unserer Freizeit gerne an Ausschreibungen auf Kaggle. Das ist eine Plattform, auf der Unternehmen ihre Probleme einstellen, die dann von Programmierern auf der ganzen Welt bearbeitet werden können. Hier kann man live verfolgen, wie kluge Köpfe schlaue Programme für ganz konkrete Probleme entwickeln, die oft auch mit Umweltverschmutzung zu tun haben. Das macht Hoffnung! Ich glaube, es geht auch viel um das Bewusstsein der Menschen, dass ihre digitalen Aktivitäten konkrete Auswirkungen auf den Planeten haben.  Dieses Bewusstsein hat in meiner Wahrnehmung in den letzten Jahren rapide zugenommen – ein guter erster Schritt, würde ich als unaufhaltsamer Optimist sagen!

 

Danke für das Gespräch, Gerhard!